Die Ausstellung | Das Buch „Jeden kann es treffen“
















Die Folgen eines Verkehrsunfalls gehen weit über nüchterne Fakten hinaus. Wer sind diese Menschen, die aus ihren zerbeulten Pkws geschnitten werden, die Toten und Verletzten? Wer sind die Menschen, die am Unfallort Erste Hilfe leisten? Die Menschen, die zurückbleiben?


Sie werden in der Ausstellung Menschen mit unterschiedlichen Schicksalen kennenlernen. Unfallopfer, Hinterbliebene, Ersthelfer und Unfallverursacher erzählen ihr Erlebtes in eigenen Worten, und ihre Porträtfotos geben den Zahlen und Statistiken Gesichter.


So unterschiedlich die Schicksale und Texte sind, eines verbindet alle Beteiligten und Unterstützer des Buches: der Wille aufzurütteln, damit Ihnen, Ihrer Familie und Freunden … ein ähnliches Schicksal erspart bleibt.


Jeden kann es treffen, ohne Vorwarnung. Aber einige Unfälle könnten verhindert werden. Verantwortungsbewusst handeln, nachdenken, wie verhalte ich mich im Straßenverkehr. In Sekunden passieren Dinge, deren schreckliche Konsequenzen man nie wieder rückgängig machen kann, auch wenn man es noch so sehr möchte. Gibt Termindruck das Recht zu rasen, ist es nötig, sich über Angeberverhalten im Straßenverkehr zu beweisen, hat man wirklich immer alles im Griff …?




Bild- und Textauszug aus der Ausstellung
















Antje und Martin | 26. Oktober 2003


Antje:

Es war der 26. Oktober 2003, ein ganz normaler Sonntag. Es war ein feuchter, nasser Herbsttag und die Dämmerung brach langsam an. Nachmittags gegen 16 Uhr ging ich mit meiner Freundin durch unser Dorf, da wir zu mir wollten.


Auf einmal kam ein Polizeiauto mit hoher Geschwindigkeit  an uns vorbeigefahren. Wir dachten uns nichts dabei. Nach kurzer Zeit verabschiedete sich meine Freundin. Meine Eltern saßen im Wohnzimmer und ich war in der Küche … und dann war nichts mehr normal. Plötzlich kam ein Kumpel meines Bruders Martin zu mir in die Küche und fragte mich, wo meine Eltern sind. Er ging nach oben ins Wohnzimmer …


„Unfall“ – dieses Wort traf mich wie ein Blitz! Alles wurde dunkel und Ungewissheit machte sich breit. Meine Eltern kamen nach unten. Mein Bruder hatte auf einer Landstraße im Landkreis Dahme Spreewald einen schweren Autounfall. Er prallte gegen zwei Bäume. Sein Kumpel war
allein mit seinem eigenen Auto vorgefahren und konnte im Rückspiegel das Unglück sehen. (Zum Glück saß bei meinem Bruder keiner sonst mit im Auto …)


Martin wurde mit dem Rettungshubschrauber nach Marzahn geflogen. Dann kam ein großes Loch. Keiner wusste, was er hat und wie es ihm geht. Abends um 22 Uhr riefen wir im Unfallklinikum an. Die Ärztin meinte, dass es ungewiss ist, wann die Operation zu Ende ist. Dann sollte ich schlafen gehen, da ich am nächsten Tag wieder zur Arbeit musste, denn ich war zu dieser Zeit allein im Geschäft.


Gegen 3.30 Uhr kam der Anruf. Er hatte die sechsstündige OP gut überstanden und lag auf der Intensivstation. Nach einer unruhigen und schlaflosen Nacht fuhren meine Eltern zu ihm. Am Abend erzählten sie mir alles: Bei dem Unfall hatte sich mein Bruder den 2., 3., 4. und 5. Halswirbel gebrochen … Wie durch ein Wunder kann er laufen. Am Mittwoch sah ich ihn dann das erste Mal. Es war ein schlimmer Anblick …


Bald machte mein Bruderherz Fortschritte und kam am 23. Dezember 2003 endlich aus dem Krankenhaus heraus. Es war das schönste Weihnachtsgeschenk, was ich je bekommen habe!


Martin:

Es war der 26. Oktober 2003, ein ganz normaler Sonntag für mich. Ich habe mein Auto, einen hübschen 2er Golf, innen und außen sauber gemacht. Das Auto war und ist auch immer noch mein Hobby. Ich hatte mit meinem besten Kumpel verabredet, dass wir am Nachmittag zur Tankstelle fahren, um uns Zigaretten zu kaufen und zu tanken. Dort alles erledigt, fuhren wir wieder los. Innerhalb einer Ortschaft fuhren wir sehr zügig los, er voran. Dann weiß ich von nichts mehr, und ich entschied mit meiner Naivität in Bruchteilen von Sekunden über Leben und Tod.


Mein Kumpel, der das Geschehen im Rückspiegel beobachtete, meinte, ich kam nach einer leichten Rechtsbiegung von der Fahrbahn ab, nachdem ich einem anderen Auto ausweichen musste, welches von vorne kam. Ich knallte mit zwei Bäumen zusammen, wobei ich mich schwer verletzte. Von sieben Halswirbeln, die der Mensch hat, brach ich mir den 2., 3., 4. und 5. Davon war der 4. komplett zertrümmert. Eine kaputte Halsschlagader, die von innen gerissen war, ein Schädel-Hirn-Trauma 3.Grades und eine Platzwunde am Kopf waren das Schlimmste und Einzige. Nach einer sechs- bis siebenstündigen Operation im Unfallklinikum stand fest, dass ich wieder laufen kann. Drei Tage Intensivstation habe ich kaum mitgekriegt.


Aufgewacht auf der Station für Rückenmarkverletzte, merkte ich ein schwaches Streicheln an meiner rechten Hand. Es war meine Mama, der die Angst und Ohnmacht um mich im Gesicht stand, genauso meinem Papa. Nach sechs Wochen beschlossen die Ärzte, mich nochmal zu operieren. Auch das habe ich überstanden und wurde dann nach insgesamt acht Wochen und zwei Tagen am 23.12.2003 entlassen. Im Krankenhaus fing ich nach der ersten Woche schon mit der Physiotherapie an, weil mein rechter Arm und die linke und rechte Schulterpartie vier Tage
gelähmt waren. Insgesamt sieben Monate habe ich gebraucht, um jede einzelne Bewegung wieder zu beherrschen.


Ich weiß mein Leben nach dem Unfall besser zu schätzen, vor allem, wie kostbar es doch ist. Genauso wie meine Freunde, die immer zu mir halten und mich an schweren Tagen wieder aufgebaut haben. Aber ganz besonders meine Eltern und meine Schwester, die wirklich jeden Tag bei mir waren.